Das Tempelarchiv von Gebelein
Das Projekt steht unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim F. Quack (Projektleiter). Als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Robert Kade, M.A., Jannik Korte, M.A., und Dr. Claudia Maderna-Sieben am Projekt beteiligt. Seit November 2026 wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Zentrales Ziel des Projekts ist die Rekonstruktion und wissenschaftliche Edition des Tempelarchivs von Gebelein sowie die historische Untersuchung des Tempels von Pathyris als religiöse, wirtschaftliche und gesellschaftliche Institution.

Projektbeschreibung
Aus dem oberägyptischen Ort Gebelein stammen zahlreiche Papyri aus der zweiten Hälfte der Ptolemäerzeit (ca. 186–88 v. Chr.). Sie dokumentieren sowohl die traditionelle ägyptische Kultur als auch die Präsenz von Soldaten im Dienst der ptolemäischen Herrscher. Während die meisten privaten Archive aus Gebelein inzwischen umfassend erschlossen sind, steht eine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung des Archivs aus dem Tempel der Hathor, der Hauptgöttin des Ortes, bislang noch aus. Ein großer Teil der zugehörigen Papyri ist entweder unpubliziert oder nur unzureichend veröffentlicht. Inhaltlich gewährt das Archiv bedeutende Einblicke insbesondere in die Wirtschaft und Verwaltung des Tempels sowie in die Interaktion zwischen der lokalen Priesterschaft und den griechischen Vertretern der übergeordneten Verwaltungsebenen.
Dieses außergewöhnlich umfangreiche, zugleich jedoch stark fragmentierte und heute auf zahlreiche Sammlungen weltweit verteilte Textkorpus bietet die seltene Möglichkeit, einen ägyptischen Tempel im Zusammenspiel von Religion, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft zu untersuchen. Obwohl das besondere Potential des Quellenmaterials seit Langem erkannt ist, hat die komplexe Überlieferungssituation eine systematische wissenschaftliche Bearbeitung bislang erschwert.
Das Projekt setzt hier an, indem es das Tempelarchiv von Gebelein erstmals systematisch rekonstruiert und analysiert. Hierzu werden die heute in verschiedenen Papyrussammlungen aufbewahrten Texte des Archivs (Museo Egizio, Turin; Ägyptisches Museum und Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin; Sammlung des Instituts für Papyrologie der Universität Heidelberg; British Museum, London; Grand Egyptian Museum und Ägyptisches Museum, Kairo; sowie weitere Sammlungen) identifiziert und zusammengehörige Fragmente ermittelt und zu einzelnen Dokumenten zusammengefügt. Die rekonstruierten Texte werden anschließend durch Transliteration, Übersetzung und Kommentierung wissenschaftlich ediert. Auf dieser Grundlage können die heute verstreuten Quellen wieder in ihrem ursprünglichen Zusammenhang untersucht und für eine umfassende Erforschung des Tempels von Pathyris und seiner Rolle innerhalb der lokalen Gesellschaft erschlossen werden.
Ziel des Projekts ist es, sowohl die Genealogien und Funktionen der Priesterfamilien als auch die Beziehungen zwischen dem Tempel und Akteuren aus dem wirtschaftlichen Bereich und der staatlichen Verwaltung zu rekonstruieren. Darüber hinaus werden administrative Abläufe untersucht und die Zuständigkeiten der priesterlichen Ämter sowie weiterer Tempelfunktionäre genauer bestimmt. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Untersuchung der literarischen und religiösen Fragmente des Korpus. Neben bereits bekannten, bislang jedoch häufig nur summarisch behandelten Texten konnten bei der Sichtung des Materials weitere demotische und hieratische Fragmente mit (sub)literarischen Texten identifiziert werden, die erstmals eingehend untersucht und in ihren historischen und kulturellen Kontext eingeordnet werden sollen.
Die Edition und Auswertung des Tempelarchivs erfolgt sowohl in digitaler als auch in gedruckter Form, wobei sich beide Publikationsformen in ihrer Zielsetzung ergänzen. Zum einen werden die Texte fortlaufend mithilfe der im Rahmen des Demotic Palaeographical Database Project (DPDP) entwickelten Webanwendung digital ediert. Dadurch können neu bearbeitete Texte regelmäßig in die öffentlich zugänglichen Datenbanken des DPDP integriert, zeitnah publiziert und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bereits während der Projektlaufzeit frei zugänglich gemacht werden. Zugleich eröffnet die digitale Erfassung umfassende Möglichkeiten für paläographische, orthographische, phraseologische und semantische Analysen der administrativen Texte und ermöglicht textübergreifende Recherchen etwa nach Personennamen, Filiationen und Titeln.
Zum anderen werden die Texte in gedruckten Editionen mit Abbildungen, ausführlichen Kommentaren und Indizes vorgelegt. Diese bilden zugleich die Grundlage für eine vertiefte historische Auswertung des Tempelarchivs. Im Zentrum der Untersuchung stehen die wirtschaftlichen Verhältnisse des Tempels und seine Einbindung in lokale Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen, das Tempelpersonal und die Priesterfamilien von Gebelein als soziale Träger der Institution sowie das am Tempel angesiedelte Notariat als Schnittstelle zwischen dem Tempel und der Bevölkerung des Ortes. Die historische Untersuchung beschränkt sich dabei nicht auf das Tempelarchiv im engeren Sinne, sondern bezieht auch weitere Quellen aus Gebelein ein, die thematisch mit dem Tempel in Zusammenhang stehen. Auf diese Weise können die Texte des Archivs in ihren umfassenderen historischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext eingeordnet und der Tempel von Pathyris in seiner Gesamtheit als religiöse, wirtschaftliche und administrative Institution untersucht werden.
Einschlägige Vorarbeiten
- J. F. Quack, Eine Abrechnung aus dem Tempelarchiv von Gebelein: P. Heidelberg D 665, in: A. Almásy-Martin, M. Chauveau, K. Donker van Heel, K. Ryholt (Hrsg.), Ripple in Still Water When There Is No Pebble Tossed. Festschrift in Honour of Cary J. Martin, GHP Egyptology 34, London 2022, 203–217.
- J. F. Quack, Fragment eines militärischen Tagebuchs?, in: L. Berkes, W. G. Claytor, M. Nowak (Hrsg.), Papyrologische und althistorische Studien zum 65. Geburtstag von Andrea Jördens, Philippika 167, Wiesbaden 2023, 495–508, Tf. 33–34.
- J. F. Quack, K. Vandorpe, Drei demotische Papyri aus der Sammlung des Übersee-Museums Bremen, in: K. Donker van Heel, F. A. J. Hoogendijk, C. J. Martin (Hrsg.), Hieratic, Demotic and Greek Studies and Text Editions. Of Making Many Books There Is No End: Festschrift in Honour of Sven P. Vleeming (P. L. Bat. 34), Leiden/Boston 2018, 249–256.
Digitale Editionen von Texten aus Gebelein von F. Wespi, J. Korte und C. Maderna-Sieben sind online im Corpus des Demotisch-Paläographischen Datenbank-Projekts verfügbar (DPDP): O. MMA 21.2.123, P. Cairo CG 30704, T. Cairo CG 30641, O. MMA 21.2.122, P. Rylands dem. 31, T. BM EA 56919, T. BM EA 56918, P. Strasbourg dem. 43, P. Carlsberg 862 (= P. Adler dem. 14), P. Carlsberg 869 (= P. Adler dem. 21), P. Rylands dem. 36, P. Carlsberg 872 (= P. Adler dem. 24).


