Leibnizpreis-Projekte
Im Jahr 2011 wurde Professor Joachim F. Quack der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen. Durch die Mittel des Leibnizpreises wurden die hier aufgeführten Projekte gefördert und Master- und Promotionsstipendien vergeben.

Erstedition des demotischen Papyrus Florenz PSI Inv. D 102 sowie zugehöriger Fragmente
Projekt: Fabian Wespi, M.A.
Am 10. März 1931 machte das Grabungsteam der 'Missione Archeologica Italiana in Egitto' unter der Leitung von Carlo Anti in Tebtynis am Südrand des Fayums einen aufsehenerregenden Fund, als in einem unterirdischen Gewölbe unzählige Papyrusbruchstücke zum Vorschein kamen, welche Angehörige des Sobek-Tempels dort deponiert hatten. Das DFG-Leibniz-Teilprojekt hat die Erstedition eines dieser Papyri zum Ziel, welcher ein demotisches und bislang unbekanntes Regelwerk zur administrativen Organisation eines ägyptischen Tempels wiedergibt.
Das frühdemotische Familienarchiv Wepwawet-Hotep / Hor aus Assiut
Projekt: Jannik Korte, M.A.
Das Dissertationsvorhaben befasste sich mit der Neu- bzw. Erstedition von zehn frühdemotischen Urkunden und Abrechnungen aus Assiut. Die Dokumente datieren in die späte 26. und frühe 27. Dynastie und wurden 1922 im sogenannten Salakhana-Grab am Fuße des Nekropolenbergs von Assiut gefunden. Sie befinden sich heute in den Sammlungen des Ägyptischen Museums in Kairo, des British Museums in London und der Beinecke Library der Universität Yale. Tatsächlich handelt es sich um zwei voneinander inhaltlich relativ unabhängige Archive, ein Familienarchiv und ein administratives Archiv des Tempels bzw. der Nekropole. Das Projekt beinhaltete die Transliteration, Übersetzung, philologische Kommentierung und inhaltliche Auswertung der zugehörigen Texte.
Erstedition des demotischen Papyrus Carlsberg 417 und der zugehörigen Fragmente im Istituto Papyrologico „G. Vitelli“ Firenze
Projekt: Dr. Claudia Maderna-Sieben
Der pCarlsberg 417 stammt aus der großen Tempelbibliothek von Tebtynis und wurde von O. Lange am 14.März 1931 für die Carlsberg Foundation erworben. Einige Fragmente, die sich heute im Besitz des „Istituto Papirologico Vitelli“ in Florenz befinden, können dem pCarlsberg 417 zugeordnet werden. Das recto trägt einen griechischen Text, der ein Landkataster mit Abrechnungen von Feldern birgt. Die Handschrift des Demotisch beschrifteten verso ähnelt der des sogenannten „Nun-Schreibers“ und kann damit in die Mitte des 2.Jh.n.Chr datiert werden. Das verso birgt zwei religiöse Texte. Zunächst finden sich drei Spruchsequenzen, die im Zusammenhang mit Ritualen des Festes der Trunkenheit zu Ehren der Göttin Bastet stehen, das höchstwahrscheinlich zum Zeitpunkt des heliakischen Siriusaufgangs gefeiert wurde. Der folgende Textabsatz besitzt eine klare Überschrift „der Papyrus zum Preisen der Götter“ und beinhaltet eine hymnische Anrufung an Götter.
Erstedition des demotischen Papyrus Carlsberg 158 und der zugehörigen Fragmente im Istituto Papyrologico „G. Vitelli“ Firenze
Projekt: Dr. Claudia Maderna-Sieben
Der pCarlsberg 158 stammt aus dem Antikenhandel. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass er ursprünglich Bestandteil der großen Tempelbibliothek von Tebtynis war, die Carlo Anti bei seinen Grabungen nördlich des Tempels des Soknebtynis am am 10.März 1931 fand. Einige Papyrusfragmente aus Tebtynis, die sich heute im Besitz des „Istituto Papirologico Vitelli“ in Florenz befinden, können dem pCarlsberg 158 zugeordnet werden. Eine genaue Analyse der in Frage kommenden fiorentiner Fragmente wird gerade durchgeführt. Sowohl das recto wie auch das verso des pCarlsberg 158 weisen demotische Texte auf. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte es bei dem Schreiber des recto und des verso um dieselbe Person handeln. Die Handschrift wird, sehr vorsichtig, in die 1.Hälfte des 2.Jh.nChr. datiert. Auch dies bedarf allerdings noch einer genaueren Analyse. Auf dem recto wie dem verso befinden sich jeweils zwei stark diskursive religiöse Texte, die jedoch inhaltlich unterschiedliche Thematiken besitzen. Der Text des recto weist Parallelen zum Mythologischen Handbuch für die oberägyptischen Gaue (pFlorenz PSI I 72) auf, fürht jedoch auch die ersten unterägyptischen Gaue auf. Das verso kann wohl thematisch in den Bereich des Mythos von Horus und Seth verortet werden.
Ritualtexte zum Schutz des Pharaos aus Tebtynis
Projekt: Dr. Susanne Töpfer
Dieses Projekt untersucht eine Gruppe hieratischer Ritualtexte aus dem Umfeld der Tempelbibliothek von Tebtynis, die sich inhaltlich mit Schutz, Reinigung und sakraler Erneuerung des Pharaos befassen. Im Zentrum steht die Frage, welche Funktion diese Handschriften in der römischen Kaiserzeit erfüllten, also in einer Epoche, in der es keinen real herrschenden ägyptischen Pharao mehr gab, das Königtum jedoch weiterhin im religiösen und kultischen Denken präsent blieb. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Edition und inhaltliche Auswertung mehrerer bislang unpublizierter Papyri, deren fragmentarischer Erhaltungszustand besondere philologische und textkritische Herausforderungen mit sich bringt. Durch die Untersuchung ihrer inhaltlichen Bezüge, ihrer Parallelüberlieferungen und ihrer materiellen Kontexte soll geklärt werden, wie diese Rituale in den Kult eingebunden waren und welche Vorstellungen von Königtum, Schutz und kosmischer Ordnung sie transportieren. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zum besseren Verständnis der Tebtynis-Papyri, der lokalen Ritualpraxis im Fayum sowie der Transformation altägyptischer Herrschaftskonzepte in römischer Zeit.
Publikationen
- S. Töpfer, Fragmente des sog. „Sothisrituals“ von Oxyrhynchos aus Tebtynis, CNI Publications 40, The Carlsberg Papyri 12, Kopenhagen 2015.
- S. Töpfer, Fragments of Hieratic Lexical Lists from Tebtunis (P. Carlsberg 215 and P. Carlsberg 889 vs.), in: K. Ryholt (Hg.), Hieratic Texts from the Collection II, CNI Publications 45, The Carlsberg Papyri 15, Kopenhagen 2020, 111–127.
- S. Töpfer, Magika Hieratika in Kopenhagen – Sprüche zum Schutz des Leibes auf pCarlsberg 906, in: M. Brose, P. Dils, F. Naether, L. Popko, D. Raue (Hrsg.), En détail – Philologie und Archäologie im Diskurs. Festschrift für Hans-W. Fischer-Elfert, Beihefte zur ZÄS 7, Berlin 2019, 747–760.
- S. Töpfer, The Body of the King and of the Goddess – Materiality in and through Manuals for Pharaoh from Tebtunis, in: F. A. J. Hoogendijk, S. van Gompel (Hrsg.), The Materiality of Texts from Ancient Egypt. New Approaches to the Study of Textual Material from the Early Pharaonic to the Late Antique Period, Papyrologica-Lugduno-Batava 35, Leiden 2018, 35–42.
- S. Töpfer, Tradition und Innovation im römerzeitlichen Per-Chefyt bei Oxyrhynchos. Ein „altbekannter“ Reinigungsspruch und seine Tebtynis-Rezension, in: A. Pries (Hg.), Die Variation der Tradition-Modalitäten der Ritualadaption im Alten Ägypten. Tagungsakten Heidelberg 25.-28. November 2012, OLA 240, Leuven 2016, 73–90.
- S. Töpfer, Sothis und der Bahr Yussuf (Ein Vorbericht), in: G. Neunert, H. Simon, K. Gabler, A. Verbovsek (Hrsg.), Text: Wissen – Wirkung – Wahrnehmung. Beiträge des vierten Münchner Arbeitskreises Junge Ägyptologie (MAJA 4), 29.11. bis 01.12.2013, Göttinger Orientforschungen 59, Wiesbaden 2015, 253–257.
Corpus der demotischen magischen Texte
Projekt: Dr. Kirsten Dzwiza
Bislang ist unser Bild von demotischer Magie im Wesentlichen durch einige wenige Handschriften der späten Römerzeit geprägt, vor allem den großen magischen Papyrus von London und Leiden (BM 100070 + Leiden I 383). Dies hat dazu beigetragen, dass sie vorrangig als neue, nicht direkt mit den älteren ägyptischen Traditionen verbundene Entität wahrgenommen wurde. Neue Identifizierungen von Handschriften zeigen jedoch, dass es weitaus mehr demotische magische Texte als bislang angesetzt gibt und ihre chronologische Spannbreite ebenso wie ihr inhaltliches Spektrum weitaus vielfältiger sind, als man gedacht hatte. Es ist geplant, sowohl die neu identifizierten als auch die bereits publizierten demotischen magischen Texte in einem Corpus zu präsentieren. Dies soll als Pendant zu den für die griechischsprachigen magischen Texte bereits bestehenden Corpora PGM und SM fungieren. Jeder Text wird mit Photographie, Umschrift, Übersetzung sowie philologischem Kommentar präsentiert, bei schwieriger lesbaren Stücken treten Zeichnungen hinzu. Indizes sollen das Corpus für Nutzer leichter zugänglich machen.
Als Mitarbeiterin in dem Projekt ist Kirsten Dzwiza beschäftigt, die derzeit an einer Neuedition des großen magischen Papyrus von London und Leiden arbeitet und in Zukunft pLeiden I 384 vs., pBM 10588 und pLouvre 3229 neu bearbeiten soll. Der Projektleiter selbst wird Anrufungen an Imhotep sowie zahlreichere kleinere, bislang meist unpublizierte Stücke vorlegen.
Weitere durch die Mittel des Leibnizpreises geförderten Projekte und Stipendien
- Der Prozess. Ein ptolemäerzeitliches Archiv aus Assiut in demotischer Schrift (Bahar Landsberger, M.A.; Promotionsstipendium)
- Ein demotisches Familienarchiv nach Papyri der Amherst-Sammlung (Zeinab Abdelsalam, M.A.; Promotionsstipendium)
- Fragmente späthieratischer Hymnen. Pap. Berlin P. 15762a, Pap. Berlin P. 15762b und Pap. Berlin P. 15764 a+b (Fabian Wespi, M.A.; Masterstipendium)
- Ein frühdemotischer Papyrus aus Köln (PK 5632) – Aus dem Leben einer diachronen Abrechnung (Robert Kade, M.A.; Masterstipendium)
- Neuedition des „Großen Demotischen Weisheitsbuches“ (Robert Kade; Anschubfinanzierung, Promotionsstipendium)



